„Alfred Grosser hat mich geprägt“

Der Internationale Bund trauert um einen großen Europäer und Humanisten


Alfred Grosser

Der in dieser Woche verstorbene Alfred Grosser auf der Feier zum 60. Geburtstag des Internationalen Bundes (IB) im Jahr 2009. Auszüge aus seiner damaligen Rede sind am Ende des Textes zu finden. Foto: IB

Am 1. Februar 1925 in Frankfurt am Main geboren, ist Alfred Grosser am 7. Februar 2024 in Paris gestorben. Dazwischen lag ein Leben als Brückenbauer zwischen Deutschland und Frankreich, als streitbarer Politologe und Publizist – ein großer Humanist, der in bester aufklärerischer Tradition seinen eigenen Kopf gebrauchte, seinem Herzen vertraute und sich von nichts und niemandem vereinnahmen ließ.

Schon sehr früh machte sich in dem jungen Mann, der bereits im Dezember 1933 mit seinen jüdischen Eltern und Geschwistern vor den Nationalsozialisten nach Frankreich fliehen musste, sein weites Denken bemerkbar. Ausgiebig reiste er als junger Journalist im Sommer 1947 durch die drei Westzonen Deutschlands – mit einer Unbefangenheit, die ihn später selbst erstaunte. In Frankfurt interviewte er Oberbürgermeister Walter Kolb, den die Gestapo mehrfach inhaftiert hatte. Mit jemanden wie Kolb, so Grosser in einem Radiogespräch, brauche er sich nicht zu versöhnen. Schließlich hätten beide die gemeinsame Aufgabe, die deutsche Jugend dazu zu bringen, demokratisch zu werden: „Und das ist ja letzten Endes gut gegangen.“

Für Alfred Grosser gab es nicht "die Deutschen" oder "die Franzosen"

Für Grosser gab es keine Kollektivschuld. Seine Schüler*innen und Studierenden forderte er auf, das Wort „die“ zu streichen, denn es gebe sie nicht: „die Deutschen“, „die Franzosen“. Wie schwer ihm diese Haltung manchmal gefallen sein muss, hat Alfred Grosser angedeutet, als er an seine Begegnung mit ehemaligen Führern der Hitlerjugend auf dem Höllhof im Schwarzwald erinnerte. Drei Wochen lang wurden Ex-HJ-Führer 1947 in dem demokratischen Erziehungsheim Diskussionen mit Gewerkschaftern, Kirchenleuten und Nicht-Deutschen ausgesetzt, „um sich zu öffnen“, wie Grosser betonte. Ihm sei dabei bewusst gewesen, dass er hier mit jungen Deutschen zusammentraf, die „mich zwei Jahre zuvor auf Befehl sofort in die Gaskammer geschoben hätten“.

Hier beginnt auch Grossers persönliche Geschichte mit dem Internationalen Bund (IB). Denn initiiert wurde das Treffen von zwei der drei späteren Gründer des IB – dem Franzosen Henri Humblot und dem deutschen Sozialdemokraten Carlo Schmid. Aber auch der dritte Gründer war damals bereits dabei: Heinrich Hartmann, bis zum Kriegsende Hauptabteilungsleiter in der Reichsjugendführung.

Nicht nur Deutschland hat dem großen Europäer und Humanisten Alfred Grosser viel zu verdanken, sondern auch der Internationale Bund. Eine Zeit lang war Alfred Grosser Mitglied des IB-Bundeskuratoriums – „nicht wegen der Hitlerjugendführer, sondern wegen der Art, wie der IB Jugendarbeit schlechthin begründete und durchführte“. Dank Grossers enormer Weitsicht und Humanität haben sich für junge Menschen die Tore geöffnet, hin zu einer demokratischen Gesellschaft, für die der IB zu allen Zeiten seit seinem Bestehen einsteht und kämpft - auch heute, gerade heute.

Nüchtern im Denken, weitherzig im Mitfühlen, bescheiden im Auftreten – Alfred Grosser war ein Vorbild für alle, die ihn trafen. „Es ist erstaunlich, wie nah mir Alfred Grosser immer war. Er hat mich geprägt“, so IB-Präsidentin Petra Merkel. „Ob die Erziehung zur Demokratie, der sich Alfred Grosser Zeit seines Lebens verschrieben hat, auch weiterhin gut geht? Es ist an uns, unermüdlich daran zu arbeiten. Es ist Alfred Grossers Vermächtnis an uns, die deutsche Gesellschaft, und ganz besonders an uns, den IB. Wir verdanken ihm viel“, ergänzt der IB-Vorstandsvorsitzende Thiemo Fojkar.

"Das Leid der anderen anerkennen" – Aus einer Rede Alfred Grossers am 8. Mai 2009 anlässlich einer Feier zum 60. Geburtstag des IB im Frankfurter Römer:

„Es geht heute nicht um den Kampf der Gläubigen gegen die Ungläubigen, sondern um den gemeinsamen Blick auf den leidenden Menschen. … Das ist die Grundlage auch der Arbeit des IB. Die Arbeit des IB ist, wie die der Bundesrepublik selbst, auf Moral gegründet und diese Moral zu verteidigen ist wesentlich.“


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