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„Dann lernen Sie dieses Gefühl kennen: Andere bestimmen über dich!”

Karola Becker, Vorstandsmitglied beim IB, ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Im Interview erzählt sie vom Leben ohne Demokratie

Portraitaufnahme von Karola Becker, Vorstandsmitglied beim Internationalen Bund (IB). Sie lächelt in die Kamera.
Karola Becker spricht über ihre Erfahrungen mit fehlender Demokratie in der DDR. Foto: IB

Karola Becker, Vorstandsmitglied beim IB, ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Im Interview erzählt sie vom Leben ohne Demokratie  

Frau Becker, woran haben Sie persönlich im DDR-Alltag gemerkt, dass es keine Demokratie gab?  

Wer Demokratie nicht kennt – und ich kannte ja nichts anderes als die DDR – merkt nicht so sehr, was fehlt. Man hat sich seine persönlichen Freiräume gesucht, wo es demokratisch zuging, zum Beispiel Familie und Freundeskreis. Echte Möglichkeiten für eine Mitbestimmung in der Politik gab es nicht. Man hätte sich in der Partei engagieren müssen, aber selbst das war nur begrenzt möglich.

Ich war 26, als die Mauer fiel, das war natürlich ein toller Zeitpunkt. Ich konnte voll durchstarten und mich entwickeln. Das ist ein hohes Gut, ich war nie arbeitslos, obwohl es meinen erlernten Beruf der Heimerzieherin mit Lehrbefähigung bei mir für das Fach Sport - plötzlich nicht mehr gab. Aber ich habe studiert und bin meinen Weg gegangen. Das war nicht für alle so leicht. Meine Eltern waren beim Mauerfall Mitte 50, die verloren dann bald ihre Arbeit. Sie fühlten sich nicht mehr gebraucht. Das war schwierig und so ging es vielen.

Was ist – bezogen auf die Demokratie – der auffälligste Unterschied zu Ihrem Leben heute?

Ich kann meine Meinung offen sagen. Das ging in der DDR nur hinter der Gartenhecke, weit weg von der Straße, wo jemand hätte mithören können. Dort wurde heftige Kritik am System geübt, aber nicht öffentlich. Heute kann ich frei diskutieren, es gibt nicht nur eine Spur, auf der man fahren darf. Und man kann zu anderen sagen: Du hast vielleicht auch recht, trotzdem ist das meine Meinung.

Man hört auch heute immer wieder, dass Menschen beklagen, sie dürften in Deutschland ihre Meinung nicht laut sagen. Doch, das darf man! 

Man sollte aber eine wertschätzende Sprache nutzen und andere nicht diffamieren. Außerdem gehört zur Meinungsfreiheit auch, anderen zuzuhören und offen für deren Ansichten zu sein. Heute pöbeln manche Leute einfach nur, ohne den Wunsch nach einem echten Gespräch. Das ist für mich nicht gleichbedeutend mit dem Ausüben von Meinungsfreiheit.

War das Fehlen von echter Mitbestimmung und Freiheit im Alltag der DDR-Bürger*innen überhaupt dauerhaft präsent?

Ich weiß gar nicht, ob das der Maßstab war. Es gab schon einen Anteil in der Bevölkerung, dem das bewusst war. Ich konnte mich aber als junger Mensch zum Beispiel sehr gut entfalten, denn ich war in einigen Bereichen noch gar nicht in der Situation, um an meine Grenzen zu stoßen. Der Radius für Auslandsreisen war begrenzt, aber für mehr fehlte mir zum Beispiel ohnehin das Geld.

Die künstlerisch-intellektuellen Milieus der DDR haben die fehlende Mitbestimmung intensiver wahrgenommen. Deshalb war dieses Land ja auch als Arbeiter- und Bauernstaat" angelegt. Die Leute sollten sich für den wirtschaftlichen Aufbau engagieren und möglichst wenig nachdenken.  

Wirkte sich die autoritäre Staatsform positiv auf Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit aus?

Das Schulsystem war nicht so aufgespalten wie heute. Mindestens bis zur 8. Klasse waren wir alle zusammen. Es gab weniger soziale und finanzielle Unterschiede. Alle gingen zusammen in dieselbe Schule. Das fand ich gut.

Und wir hatten damals bereits den Ganztag. Mein Vater war zum Beispiel Revierförster und bot einmal die Woche nachmittags eine Wald-AG für meine Klasse an, das war super. Da haben wir viel gelernt. Dazu gab es – auch durch den Einsatz von Eltern – eine breite Palette weiterer kostenloser Angebote, wie etwa Modellbau, Sport-AGs oder künstlerische Angebote. Das war meist nicht ideologisch geprägt. Es gab aber natürlich auch die Pionierorganisationen und die Freie Deutsche Jugend (FDJ).

Gibt es etwas aus der DDR, das Sie gern im heutigen Deutschland hätten?

Ja, den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der kam aus der Motivation gegen die Obrigkeit heraus. In der DDR gab es wenige soziale Unterschiede und viel gegenseitige Unterstützung. Den Nachbarn zu helfen, war selbstverständlich, anders als heute. Bei uns auf dem Land war das noch einmal intensiver.

Was würden Sie Menschen im heutigen Deutschland sagen, die die Demokratie für verzichtbar halten?

Alle, die das glauben, sollten folgendes Experiment machen: Sie geben innerhalb von Familie oder Freundeskreis für eine Woche ihre Selbstbestimmung ab. Nicht Sie entscheiden dann, was Sie selbst tun und machen möchten, sondern Ihr Umfeld. Dann lernen Sie ansatzweise und immer noch in einem wohlwollenden Umfeld dieses Gefühl kennen: Andere bestimmen über dich!

Haben Sie nach der Wende mit Menschen gesprochen, die das System der DDR überzeugt mitgetragen haben? Wie blicken die auf die Zeit vor 1989 zurück?  

Ich bekam nach der Wende das Gefühl, als wären zu DDR-Zeiten 70 Prozent der Menschen Widerstandskämpfer gewesen. Das war natürlich nicht so, aber viele Leute taten so. Das war richtig unangenehm. Ich habe eine höhere Wertschätzung für Menschen, die zu dem stehen, was sie vertreten oder geglaubt haben. Das ist ehrlicher. Ich habe aber auch niemanden getroffen, der die DDR zurückgewollt hätte. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Matthias Schwerdtfeger
 

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