"Die neue Waschmaschine funktioniert wie die bisherige, auch wenn sie anders aussieht"

Welt-Autismus-Tag: Svenja Burmester & Wencke Drasdo (IB-"Assistenz im Alltag") sagen, was autistische Menschen besser können


Silke Burmester (links) und Wencke Drasdo von der Ambulanten Assistenz der Eingliederungshilfe in Kiel

Svenja Burmester (links) und Wencke Drasdo von der Ambulanten Assistenz der Eingliederungshilfe des Internationalen Bundes (IB) in Kiel. Foto: privat

Beim Thema "Autismus" denken viele Menschen sofort an den Film „Rain Man“, in dem Dustin Hoffman einen Autisten spielt. Eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist in ihrer Symptomatik aber vielschichtig und zeigt sich unterschiedlich stark ausgeprägt. Svenja Burmester hat die "Assistenz im Alltag" des IB, die Menschen mit ASS dabei unterstützt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, an den Standorten Kiel und Lübeck aufgebaut. Wencke Drasdo leitet seitdem die "Assistenz im Alltag" in Kiel. Im Interview erzählen sie, wie sie selbst von ihrer Arbeit profitieren und was autistische Menschen besser können als andere.

Wie äußert sich eine Autismus-Spektrum-Störung? 

Svenja Burmester: Menschen mit ASS haben Schwierigkeiten beim Verstehen nonverbaler Signale. Das macht unter anderem den Aufbau und die Pflege von Beziehungen schwierig. Sie haben beispielsweise eingeschränkte Fähigkeiten, Gespräche zu führen. Sie haben sehr spezifische Interessen und beschäftigen sich intensiv mit bestimmten Themen.

Menschen mit ASS wünschen sich Routine und Vorhersehbarkeit für ihr Leben. Sie haben Schwierigkeiten beim Übertragen von Wissen aus der Theorie in die Praxis. Typisch ist auch eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen, also zum Beispiel flackerndes Licht oder Sirenengeheul. Die Symptome sind immer unterschiedlich stark ausgeprägt.

Welche besonderen Bedürfnisse haben Jugendliche mit ASS im Berufsalltag?

Wencke Drasdo: Sei brauchen klare Tagesabläufe und Strukturen, vorhersehbare Aufgaben, klare und eindeutige - am besten schriftliche - Anweisungen und Rückmeldungen. Darüber hinaus sollte die Arbeitsumgebung ruhig sein, um eine sensorische Reizüberflutung zu vermeiden. Wichtig sind zudem Pausen und Rückzugsorte.

Welche Probleme treten hier häufig auf?

Svenja Burmester: Es kommt oft zu kommunikativen Missverständnissen. Unerwartete Änderungen oder sensorische Überforderung verursachen Stress. Ein Problem ist auch soziale Isolation oder Konflikte mit Kollegen*Kolleginnen.

Was können Menschen mit ASS besser als Menschen ohne?

Wencke Drasdo: Sie sind sehr genau und können sich intensiv auf ihre Interessengebiete konzentrieren. Hinzu kommt ein ausgeprägtes logisches Denkvermögen. Wobei das nicht unsere Alltagslogik meint, nach der wir zum Beispiel verstehen, dass die neue Waschmaschine so funktioniert wie die bisherige, auch wenn sie anders aussieht. Solche Veränderungen müssen Menschen mit ASS je nach Ausprägung neu gezeigt werden. Grundsätzlich kann man von einer hohen Zuverlässigkeit und Genauigkeit bei Routineaufgaben ausgehen - wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Inwiefern bereichert diese Arbeit Ihr Leben?

Wencke Drasdo: Es erweitert die eigene Perspektive ganz erheblich, wenn man andere Wahrnehmungs- und Denkweisen kennenlernt. Außerdem entwickelt man mehr Empathie und Geduld. Im richtigen Setting erzielt man tolle Fortschritte und kann langfristig etwas bewirken.

Was könnten Staat, Wirtschaft und Gesellschaft tun, um diese Menschen besser zu unterstützen?

Wencke Drasdo: Mehr Aufklärung und Sensibilisierung täte Not, zum Beispiel eine Informationskampagne über die Autismus-Spektrum-Störung. Dazu wären Fortbildungen für Fachpersonal in Bildung, Arbeit und Gesundheitswesen gut. Was die gesetzlichen Rahmenbedingungen angeht, sollte man das Antidiskriminierungsgesetz stärken. In der Arbeitswelt brauchen wir flexiblere Arbeitsmodelle und mehr Teilzeitarbeit. Arbeitsplätze sollten an die Bedürfnisse von Menschen mit ASS anpassbar sein. Darüber hinaus fehlen Unterstützungsangebote, zum Beispiel sollten Peer-Support und Selbsthilfegruppen gefördert werden.

Svenja Burmester: Wir müssen Inklusion wirklich leben, das bedeutet unter anderem den Abbau von Bürokratie, wenn es um die Antragstellung für Unterstützungsleistungen der Eingliederungshilfe geht. Außerdem sollte Deutschland mehr teilstationäre Wohngruppen finanzieren. Oft führt die Ausprägung der Erkrankung dazu, dass eine ambulante Betreuung nicht ausreicht. Beim Übergang von der Jugendhilfe in die Eingliederungshilfe zeigt sich: Ein Auszug aus dem Elternhaus passiert oft erst in den frühen 20ern. Das Setting müsste aber eigentlich äquivalent zur Jugendhilfe - also eine stationäre Wohngruppe - sein. Dies wird aber für Erwachsene häufig nicht finanziert.

Welche Maßnahmen gibt es bereits?

Svenja Burmester: Es gibt das Bundesteilhabegesetz: Es soll Menschen mit Behinderung mehr Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglichen. Dazu schaffen Inklusionsunternehmen gezielt Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen.

Wie offen sind Arbeitgebende generell bei dem Thema?

Wencke Drasdo: Das hängt von der Unternehmenskultur und dem Diversity-Bewusstsein ab. Insgesamt ist hier noch viel Luft nach oben. Einige Firmen haben erkannt, dass die Inklusion von Menschen mit ASS Vorteile bringt und fördern diese gezielt. Fortschrittliche Unternehmen implementieren Diversity- und Inclusion-Programme. Es gibt auch geförderte, inklusive FSJ-Plätze.

Frau Burmester, Frau Drasdo, wir danken für dieses Gespräch und die tolle Arbeit Ihrer Einrichtungen!

Die Fragen stellte Matthias Schwerdtfeger


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