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„Es kommt nicht auf die Personenzahl an, sondern darauf, wie wir uns die Beziehung zu diesen Menschen wünschen”

Aktionswoche gegen Einsamkeit: Wie sie entsteht, was sie ausmacht, wie man helfen kann

Porträt von Dr. Christine Steiner vom Deutschen Jugendinstitut (DJI).
Dr. Christine Steiner vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) spricht im Interview über Ursachen von Einsamkeit und die Bedeutung niedrigschwelliger Begegnungsangebote. Foto: DJI / Inge Kraus

Einsamkeit ist längst zu einer gesellschaftlichen Herausforderung geworden. Mit Angeboten, die Begegnung schaffen und soziale Teilhabe stärken, setzt sich der Internationale Bund (IB) dafür ein, das Thema zu enttabuisieren und Einsamkeit vorzubeugen. Anlässlich der Aktionswoche gegen Einsamkeit (ab dem 22. Juni) hat der IB mit der Sozialwissenschaftlerin Dr. Christine Steiner vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) gesprochen. Die Expertin, die kürzlich auch einen Workshop beim IB zum Thema leitete, ordnet aktuelle Forschungserkenntnisse ein und erklärt, wie Einsamkeit entsteht, wer besonders betroffen ist und warum leicht zugängliche Angebote ein wirksamer Ansatz sein können.

Frau Dr. Steiner, was bedeutet Einsamkeit?

Man denkt, es sollte einfach sein, Einsamkeit zu erklären. Schließlich kennt jede*r das Gefühl. Tatsächlich ist es aber sehr komplex, weil Einsamkeit sehr vielschichtig ist. Daher gibt es unterschiedliche Erklärungen. Auf eine wird in der Forschung häufig zurückgegriffen und sie passt auch gut zum Alltagsverständnis. Sie stammt von Daniel Perlman und Anne Peplau, die Einsamkeit als ein unangenehmes Gefühl beschreiben, das aus einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen entsteht.

Wir sind ständig vernetzt und nur einen Klick voneinander entfernt – warum spielt Einsamkeit trotzdem eine so große gesellschaftliche Rolle?

Weil es nicht auf die Zahl der Personen – Familienangehörige oder Freunde*Freundinnen – ankommt, sondern darauf, wie wir uns die Beziehung zu diesen Menschen wünschen. Es geht also um die Qualität der Beziehungen. Sicher: Bei einigen Beziehungen reicht es vielleicht, wenn sie flüchtig und oberflächlich sind, wie es bei Kontakten im Netz oft der Fall ist. Im Grunde suchen wir aber Beziehungen, die uns das Gefühl geben, verstanden, respektiert und unterstützt zu werden.

Wer ist von Einsamkeit besonders betroffen – eher ältere oder jüngere Menschen?

Beide Altersgruppen sind häufig von Einsamkeit betroffen. Bei Älteren ist sie eher auf den Verlust von Beziehungen und soziale Isolation zurückzuführen. Bei jungen Menschen entsteht Einsamkeit auch, weil sie auf der Suche nach ihrer eigenen Identität sind. Die stärker ausgeprägte Einsamkeit am Beginn und am Ende des Lebens wurde als U-Form der Einsamkeitsverteilung beschrieben. Neuere Studien zeigen, dass es nicht ganz so einfach ist und lenken die Aufmerksamkeit auf die Einsamkeitsrisiken in den mittleren Jahren des Lebens. 

Wie entsteht Einsamkeit und welche Folgen kann sie für Betroffene haben?

Einsamkeit entsteht, wenn sich in unserem Leben etwas ändert, etwa beim Jobwechsel. Es kann auch die Folge einer Trennung oder eines Umzuges sein. In beiden Fällen sagt mir Einsamkeit, dass ich etwas ändern muss, dass ich lernen muss, wie ich in der neuen Schule zurechtkomme oder in der neuen Stadt neue Leute kennenlerne. In diesen Fällen geht das Gefühl meist vorüber. Sie kann aber auch dauerhaft sein. Menschen ziehen sich dann aus dem sozialen Leben zurück. Dieser Zustand beeinträchtigt nicht nur die mentale Gesundheit, sondern ist auch Ursache für verschiedene physische Leiden, wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Fähigkeit, neue Herausforderungen zu bewältigen, setzt aber voraus, dass man das auch kann, dass man über genügend Ressourcen verfügt. Einsamkeit ist daher auch sozial sehr ungleich verteilt. Es trifft vor allem Menschen, die in verschiedener Hinsicht ärmer oder anders als die anderen sind.

Wie lässt sich Einsamkeit in der Praxis besser erkennen und gezielt vorbeugen oder bearbeiten?

Ich denke, es reicht in vielen Fällen schon zu wissen, wann Einsamkeit auftrifft, um ihr vorzubeugen, zum Beispiel Neuankommende zu unterstützen. Und natürlich hilft eine inklusiv ausgerichtete Lern- und Arbeitspraxis. Schwieriger wird es in Fällen chronischer Einsamkeit, allein schon aufgrund des damit verbundenen sozialen Rückzuges. Mein Rat wäre, sich mit Fachleuten im Bereich der psychosozialen Hilfen und der therapeutischen oder medizinischen Begleitung auszutauschen

Wie wichtig sind dabei leicht zugängliche Angebote, die soziale Kontakte ermöglichen – etwa Jugend- oder Seniorenzentren, wie sie beim IB angeboten werden?

Solche Angebote sind sehr wichtig, auch, weil Einsamkeit in unserer Gesellschaft oft mit Scham besetzt ist. Einige Angebote sind auch nicht schwer umzusetzen. Oft geht es nur darum, Gelegenheiten zum Reden zu geben und aufmerksam zuzuhören. Niedrigschwellige Möglichkeiten der Begegnung sind ein wichtiger Baustein, um soziale Teilhabe zu fördern und Einsamkeit entgegenzuwirken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stefanie Vasa

Weitere Impulse zum Thema Einsamkeit bietet eine kostenfreie Online-Fachveranstaltung im Rahmen der Aktionswoche gegen Einsamkeit. Veranstalter ist der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit, dem auch der Internationale Bund (IB) angehört.

Infos und Anmeldung zur Veranstaltung
 

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