Peter Hermanns ist Leiter des Bereichs Politische Kommunikation beim Internationalen Bund (IB) Berlin-Brandenburg und war viele Jahre beim IB als Bereichsleiter in der Geflüchtetenhilfe tätig.
Die deutsche und europäische Migrationspolitik hat im Februar 2026 eine folgenschwere Wende vollzogen. Während die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) auf EU-Ebene neue Hürden für Schutzsuchende errichtet, streicht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Inland massiv die Mittel für die Sprachförderung. Eine Woche später kündigte die Bundesregierung einen erleichterten Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete an – ein politisches Paradoxon: Neue Türen zum Arbeitsmarkt öffnen sich, doch das wichtigste Werkzeug dafür – die Sprache – wird entzogen.
Hintergrund ist der Zulassungsstopp des BAMF für freiwillige Integrationskurse. Bisher belegten Menschen ohne gesetzlichen Teilnahmeanspruch freiwillig freie Plätze – ein Angebot, das Geflüchtete so eifrig nutzten, dass die Kosten den ursprünglichen Haushaltsplan deutlich überstiegen. Das Innenministerium reagierte darauf mit einer drastischen Maßnahme: Um 350 Millionen Euro einzusparen, reserviert das Ministerium die Kurse künftig fast nur noch für Personen mit gesicherter Bleibeperspektive oder gesetzlicher Verpflichtung.
Für die Betroffenen heißt es nun: Warten statt Lernen
Doch in der Realität trifft es eben auch Menschen mit einer Bleibeperspektive, denn in laufenden Verfahren ist die Bleibeperspektive erst einmal ungeklärt. Gleichzeitig und mit zunehmender Kriegsdauer stellen sich immer mehr Geflüchtete aus der Ukraine auf ein dauerhaftes Leben in Deutschland ein. Zusammen mit Geduldeten und EU-Bürgern*Bürgerinnen sollen sie ihren Integrationskurs künftig selbst bezahlen. Bei einem monatlichen Regelsatz von 455 Euro (Asylbewerberleistungsgesetz) oder einem Bürgergeld von 563 Euro bleibt dies eine Illusion. Für die Betroffenen heißt es nun: Warten statt Lernen.
Leidtragende dieser Entscheidung sind nicht nur die Schutzsuchenden, sondern auch Unternehmen. Betriebe, die händeringend Arbeitskräfte suchen, profitieren kaum von Mitarbeitenden, die Sicherheitsunterweisungen nicht verstehen oder Teamabsprachen nicht folgen können. Statt vorhandenes Fachkräftepotenzial zu heben, drängt die Politik Menschen systematisch in prekäre Hilfsjobs ohne Aufstiegschancen.
Die Folgen reichen weit über den individuellen Arbeitsplatz hinaus und treffen die soziale Infrastruktur der Kommunen ins Mark. Wenn etablierte Träger wie der IB ihre Angebote mangels Finanzierung streichen müssen, bricht ein System zusammen, das über ein Jahrzehnt lang Expertise aufgebaut hat. Lehrkräfte wandern in andere Branchen ab – und solche Strukturen lassen sich nicht per Knopfdruck reaktivieren, sollte die Politik ihre Prioritäten erneut verschieben.
Dieser Sparkurs dürfte sich als fiskalischer Bumerang erweisen. Wer heute am Spracherwerb spart, zahlt morgen ein Vielfaches für die Folgen verfestigter Arbeitslosigkeit, für Dolmetscherdienste in Ämtern und für die Bewältigung sozialer Spannungen. Der Ausschluss von Sprachförderung drängt Menschen in die Passivität, erhöht die psychische Belastung und konterkariert das Ziel der wirtschaftlichen Unabhängigkeit.
Notwendig sind daher drei zentrale Ansatzpunkte:
- die Rücknahme des Zulassungsstopps für Integrationskurse: Deren Zugang muss für alle Menschen mit Fluchtgeschichte ab dem ersten Tag offenstehen – unabhängig von der Bleibeperspektive.
- die finanzielle Absicherung der Trägerlandschaft: Die Infrastruktur der Kursträger muss als systemrelevant anerkannt und durch verlässliche, langfristige Förderzusagen geschützt werden, um Fachpersonal zu halten.
- eine Kohärenz zwischen Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik: Wer den Arbeitsmarktzugang erleichtert, muss auch die sprachlichen Voraussetzungen dafür schaffen. Berufsbezogene Sprachförderung und praktische Arbeit müssen verzahnt werden.