Arian Begovic leitet die Hitzehilfe des Internationalen Bundes (IB) in Berlin. Deren Zielgruppe sind Menschen ohne Wohnung oder Obdach. Einige von ihnen leben mit einer Drogensucht. Im Interview erzählt Arian Begovic, welche Rolle dabei die Außentemperatur spielt, welche Rauschgifte verstärkt vorkommen und was Politik und Gesellschaft aus seiner Sicht tun sollten.
Herr Begovic, spielen Drogen für Klienten*Klientinnen, die in Ihre Einrichtung kommen, eine große Rolle?
Definitiv. Da sich unsere Einrichtung im unmittelbaren Umfeld eines der am stärksten von der offenen Drogenszene geprägten Bereiche Berlins befindet, spielt das Thema Substanzkonsum im Arbeitsalltag eine erhebliche Rolle. Wir beobachten regelmäßig die gravierenden physischen und psychischen Auswirkungen verschiedener psychoaktiver Substanzen. Häufig befinden sich die Betroffenen bereits nach kurzer Zeit in einem deutlich schlechteren Gesundheitszustand und weisen erhebliche Belastungen auf.
Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle unsere Klienten*Klientinnen Drogen konsumieren. Dennoch zeigt sich bei einem Teil der Betroffenen, dass der Einfluss psychoaktiver Substanzen die Realitätswahrnehmung, das Verhalten sowie die Fähigkeit zur eigenständigen Alltagsbewältigung erheblich beeinträchtigen kann.
Unser Ansatz ist jedoch nicht von Verurteilung, sondern von humanitärer Unterstützung und niedrigschwelliger Hilfe geprägt. Wir schaffen einen geschützten Rückzugsraum, in dem sich die Menschen vom oftmals belastenden Straßenmilieu erholen können. Darüber hinaus stellen wir Trinkwasser und weitere grundlegende Versorgungsangebote bereit, unterstützen die Rehydrierung sowie die Stabilisierung des körperlichen Allgemeinzustands und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur akuten gesundheitlichen Entlastung und zur Wahrung der Menschenwürde.
Spielt Suchtverhalten im Fall von Rauschgiften oder Alkohol eine stärkere Rolle als zu Beginn Ihrer Arbeit in der Kälte- und Hitzehilfe?
Ja, nach meiner Wahrnehmung hat sich die Situation im Vergleich zu Beginn meiner Tätigkeit vor rund fünf Jahren deutlich verschärft. Insbesondere der zunehmende Konsum neuer psychoaktiver Substanzen, wie beispielsweise „Monkey Dust“, stellt sowohl die Betroffenen als auch die Mitarbeitenden vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig ist im direkten Umfeld unserer Einrichtung eine deutliche Präsenz des offenen Drogenhandels zu beobachten, wodurch die Verfügbarkeit entsprechender Substanzen weiter zugenommen hat.
In der täglichen Praxis erleben wir, dass der Monkey-Dust-Konsum häufig mit einer ausgeprägten Enthemmung, erhöhter Aggressivität sowie schwerwiegenden psychischen Auffälligkeiten einhergeht. Monkey Dust, auf Deutsch „Affenstaub“, ist eine synthetische Designerdroge, die zu extremer Unruhe, psychischen Störungen, Halluzinationen und oft auch aggressivem Verhalten führen kann.
Dadurch entstehen nicht nur erhebliche gesundheitliche Risiken für die konsumierenden Personen selbst, sondern auch anspruchsvollere Situationen im Arbeitsalltag, die ein hohes Maß an Deeskalationskompetenz, professioneller Handlungssicherheit und interdisziplinärer Zusammenarbeit erfordern.
Welche Drogen finden derzeit größere Verbreitung und woran liegt das? Welche sind auf dem Rückzug?
Wie erwähnt hat insbesondere der Konsum von Monkey-Dust-Substanzen in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass Crystal Meth deutlich seltener anzutreffen ist. Darüber hinaus beobachten wir zunehmend den Konsum von Crack, was sich unter anderem an der deutlich höheren Anzahl weggeworfener Alufolien im öffentlichen Raum erkennen lässt.
Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielschichtig. Aus meiner Sicht spielen vor allem Veränderungen auf dem illegalen Drogenmarkt, die Verfügbarkeit bestimmter Substanzen sowie wirtschaftliche Interessen des Drogenhandels eine Rolle. Welche Substanzen angeboten und konsumiert werden, richtet sich häufig nach Angebot, Nachfrage und Profitabilität. Eine eindeutige Ursache lässt sich aus der Perspektive unserer Einrichtung jedoch nicht benennen.
Was sollte der Staat auf welcher Ebene aus Ihrer Sicht tun, um die Probleme einzudämmen?
Aus meiner Sicht bedarf es eines ganzheitlichen Ansatzes. Einerseits müssen Präventions-, Beratungs- und Suchthilfeangebote deutlich ausgebaut werden, um Menschen frühzeitig zu erreichen und ihnen niedrigschwellige Zugänge zu medizinischer, psychologischer und sozialer Unterstützung zu ermöglichen.
Andererseits sollte der Staat konsequenter gegen den organisierten Drogenhandel und die offenen Handelsstrukturen vorgehen, da diese den Konsum und die Verfügbarkeit harter Drogen erheblich begünstigen.
Zudem benötigen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe eine verlässliche finanzielle Ausstattung. Langfristig lassen sich die Herausforderungen nur durch ein Zusammenspiel aus Prävention, Suchthilfe, Wohnraumpolitik, Gesundheitsversorgung und einer konsequenten Strafverfolgung des illegalen Drogenhandels nachhaltig eindämmen.
Was kann die Zivilgesellschaft tun, um dabei zu unterstützen?
Die Bewältigung dieser Herausforderungen ist nicht allein Aufgabe staatlicher Institutionen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Die Zivilgesellschaft kann einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Vorurteile gegenüber wohnungslosen und suchtkranken Menschen abbaut und niedrigschwellige Hilfsangebote unterstützt. Sei es durch ehrenamtliches Engagement, Sach- und Geldspenden oder die Unterstützung sozialer Einrichtungen.
Ebenso wichtig ist ein respektvoller und menschenwürdiger Umgang mit den Betroffenen. Hinter jeder Suchterkrankung und jeder Wohnungslosigkeit steht eine individuelle Lebensgeschichte. Eine Gesellschaft, die Empathie mit Verantwortung verbindet, kann wesentlich dazu beitragen, soziale Isolation zu reduzieren und Betroffenen neue Perspektiven zu öffnen.
Welche Auswirkungen hat die zunehmende Drogenproblematik auf Ihr Team und den Arbeitsalltag in der Einrichtung?
Die zunehmende Drogenproblematik stellt auch unsere Mitarbeitenden vor erhebliche Herausforderungen. Viele Situationen erfordern ein hohes Maß an Professionalität, Deeskalationskompetenz und psychischer Belastbarkeit.
Insbesondere der Umgang mit Menschen, die sich in akuten psychischen Ausnahmesituationen befinden oder unter dem Einfluss hochdosierter Substanzen stehen, kann für das Personal belastend sein.
Trotz aller Herausforderungen bleibt die Motivation bestehen, den Menschen mit Respekt, Würde und Empathie zu begegnen. Gleichzeitig darf man nicht außer Acht lassen, dass auch die Mitarbeitenden Schutz, Wertschätzung und angemessene Rahmenbedingungen benötigen, um diese anspruchsvolle Arbeit längerfristig leisten zu können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Matthias Schwerdtfeger.
Wer der IB-Hitzehilfe Sonnenschutz-Produkte spenden möchte, ist in der Kurmärkischen Straße 1-3, 10783 Berlin herzlich willkommen. Fragen zum Thema beantwortet Arian Begovic (Telefon: 0171 5200730).