Tür an Tür wohnen, sich im Gemeinschaftscafé treffen und die Kinder zusammen in die Kita bringen: Das Berliner Projekt „Tolerantes Miteinander“ (ToM) zeigt, wie Integration im Alltag gelingen kann. Anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni stellt Peter Hermanns, Initiator des Projekts beim IB, es vor.
Rückblende: Vor einem guten Jahrzehnt suchten Hunderttausende Menschen in Deutschland Schutz vor Krieg, Verfolgung und Armut. Die meisten von ihnen kamen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften unter – häufig auch in Einrichtungen des IB. Schon damals stellten sich zentrale Zukunftsfragen: Wie gelingt der Schritt aus der Notunterkunft in den eigenen Wohnraum? Und wie sorgen wir dafür, dass Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte echte Nachbarschaften aufbauen? Klar war: Es mussten Wohnungen gebaut werden. Doch für ein gutes Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten brauchte es eine verbindende Idee. Diese entwickelten der IB und die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft „degewo“ mit dem Integrationsprojekt „ToM“ („Tolerantes Miteinander“), das inzwischen im fünften Jahr in Berlin-Altglienicke besteht.
Von der Idee zum inklusiven Lebensumfeld
Die ersten Planungen dafür starteten bereits 2016. Eine breit angelegte Bedarfserhebung in einer IB-Gemeinschaftsunterkunft lieferte erste Erkenntnisse über konkrete Wünsche von Menschen, die eine neue Heimat suchten. Sie zeigte, dass bei der Planung der Wohnungen und in der Wohnumfeldgestaltung Aspekte berücksichtigt werden mussten, die unterschiedliche Bedarfe erfüllen. Viele Ideen zu Wohnungsgrößen, Küchengestaltungen, Gemeinschaftsräumen und Gemeinschaftsgärten flossen schließlich in ein Konzept ein, das mit klassischen Barrieren brach und rund 450 Menschen, davon die Hälfte mit Fluchtgeschichte, in einer der 164 Wohnungen Ende 2021 ein neues Zuhause gab.
Die Einzüge fielen in die Hochzeit der Corona-Pandemie, weswegen das Projekt mit einigen Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Doch das beharrliche Festhalten an der gemeinsamen Vision zahlte sich aus: Was unter isolierten Bedingungen begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem stabilen, inklusiven Lebensumfeld. Das starke Fundament wird heute durch drei zentrale Säulen getragen: Eine professionelle Sozialberatung unterstützt die Mieter*innen in Behörden- und Mietangelegenheiten, während Gemeinschaftsangebote wie ein Sprachcafé, gemeinsames Kochen, Tischtennisspielen im Jugendraum, Yoga im Bewegungsraum oder die Pflege des Gemeinschaftsgartens das Viertel mit Leben füllen. Das eigentliche Herzstück des ToM-Projekts ist das Gemeinschaftscafé, das die Mieter*innen auch für private Anlässe nutzen können. Zwei Sozialarbeitende sind in der Beratung und der Koordination von Angeboten tätig. Sie haben vor allem eines im Blick: die Selbstorganisation der Mieter*innen zu stärken.
Integriert in das Viertel ist eine interkulturelle Kita, die Platz für 100 Kinder bietet, und tolerantes Miteinander schon bei den Jüngsten verankert. Mit dem Konzept der offenen Werkstattpädagogik lernen und spielen Kinder unterschiedlicher Herkunft von- und miteinander. Für die Eltern ist die Kita zudem ein wichtiger Begegnungsort, der das nachbarschaftliche Netzwerk im Quartier und im angrenzenden Sozialraum nachhaltig stärkt.
ToM zeigt damit eindrucksvoll: Aus drängenden Fragen von 2015 ist ein lebendiges, zukunftsweisendes Modell für gelungene Integration geworden.
Peter Hermanns