Nach den Sommerferien ist es so weit: Alle Kinder der ersten Klassen haben Anspruch auf ein ganztägiges Bildungsangebot für mindestens acht Stunden am Tag. Bis 2029 wird der Rechtsanspruch schrittweise auf alle Grundschulklassen ausgeweitet. Damit eröffnen sich große Chancen – gleichzeitig wirft das auch viele Fragen auf. Wie gelingt guter Ganztag? Wie profitieren Kinder und Eltern? Und welchen Beitrag kann er zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten? Antworten darauf gibt Lisa Dobbert, Leiterin des IB-Horts „Am Elbdamm“ in Magdeburg. Im Interview berichtet sie aus ihrer langjährigen Praxiserfahrung, warum Ganztag weit mehr ist als Betreuung und weshalb er nicht erst mit perfekten Rahmenbedingungen beginnt, sondern mit dem Blick auf das, was schon heute möglich ist.
Frau Dobbert, seit dem 1. August gilt schrittweise der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für Familien, aber auch für die Einrichtungen?
Für uns in Sachsen-Anhalt verändert sich bei den Betreuungszeiten zunächst wenig, weil Ganztagsangebote hier schon lange bestehen. Der Rechtsanspruch ist trotzdem ein wichtiger Schritt, weil jetzt die Qualität stärker in den Mittelpunkt rücken soll. Für die Einrichtungen bedeutet das vor allem, Schule und Hort noch enger zusammenzubringen. In anderen Bundesländern schafft der Rechtsanspruch dagegen vor allem Planungssicherheit und hilft dabei, Beruf und Familie besser zu vereinbaren.
Ganztag wird oft mit Betreuung gleichgesetzt. Was macht aus Ihrer Sicht guten Ganztag aus und warum steckt viel mehr dahinter?
Das liegt vor allem daran, dass einige Bundesländer deutlich unterversorgt sind. Dort steht zunächst die verlässliche Betreuung im Vordergrund. Für viele Familien ist der Rechtsanspruch deshalb existenzsichernd.
Einen guten Ganztag macht aus meiner Sicht aus, dass Schule und Hort eng zusammenarbeiten und Familien den Ganztag als eine Einheit erleben.
Wir im Hort Elbdamm arbeiten am Kind, mit dem Kind und mit der Familie. Uns geht es nicht nur darum, den Nachmittag zu organisieren, sondern Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten. Dazu gehören auch Themen wie Freundschaften, Konfliktlösung oder Selbstständigkeit. Deshalb hinterfragen wir gemeinsam mit der Schule klassische Konzepte wie die Hausaufgabenbetreuung. Entscheidend ist für uns, Kinder in ihrer Eigenständigkeit und Selbstorganisation zu stärken.
Ist Ganztag aus Ihrer Sicht eine Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit? Wenn ja, warum?
Ich hoffe es, ja. Ganztag kann dazu beitragen, dass alle Kinder die gleichen Chancen erhalten – unabhängig davon, welche Voraussetzungen sie von zu Hause mitbringen.
Wenn Schule und Hort eng zusammenarbeiten, entsteht ein ganzheitlicher Bildungsort, an dem Kinder in ihrer Entwicklung umfassend begleitet werden.
Welche Erfahrungen aus Ihrer täglichen Arbeit zeigen besonders deutlich, welchen Mehrwert Ganztag für Kinder bietet?
Wir verstehen uns als Ganztagsbildungsort, an dem Partizipation einen festen Platz hat. Ein gutes Beispiel sind unsere Ferienprogramme. Die planen wir nicht am Schreibtisch, sondern gemeinsam mit den Kindern. Bevor die Ferien beginnen, fragen wir sie, welche Ausflüge und Aktivitäten sie sich wünschen. Anschließend reflektieren wir gemeinsam, was gut funktioniert hat und was sie sich anders wünschen. Dadurch erleben die Kinder, dass ihre Meinung zählt. Gleichzeitig entwickeln sie Fähigkeiten wie Selbstständigkeit, Selbstorganisation und Verantwortungsbewusstsein – Kompetenzen fürs Leben.
Was zeichnet die pädagogische Arbeit im Hort „Am Elbdamm“ besonders aus? Gibt es ein Angebot oder Projekt, das beispielhaft für Ihr Konzept steht?
Unser Seniorenprojekt veranschaulicht gut unsere pädagogische Arbeit: Hier lernen wir gemeinsam fürs Leben und festigen das Verständnis von Menschlichkeit.
Gemeinsam mit einem Seniorenheim haben wir Begegnungen zwischen Jung und Alt geschaffen. Bevor die Kinder die Seniorinnen und Senioren kennengelernt haben, haben wir uns mit dem Thema Älterwerden beschäftigt. Mit einem kleinen Parcours konnten sie selbst erleben, wie es sich anfühlt, wenn man schlechter sieht oder sich nicht mehr so gut bewegen kann. Anschließend konnten die Kinder gemeinsam mit den Seniorinnen und Senioren spielen. Besonders schön war zu sehen, wie aufmerksam und fürsorglich sie dabei miteinander umgegangen sind. Viele Kinder erzählen noch heute von diesen Begegnungen.
Bei Ihnen können Kinder sogar eigene Interessengemeinschaften gestalten. Warum ist Mitbestimmung und Selbstständigkeit so wichtig?
Kinder lernen am besten, wenn sie selbst aktiv werden dürfen. Deshalb können sie bei uns nicht nur Angebote auswählen, sondern ab einem bestimmten Alter eigene Interessengemeinschaften entwickeln und leiten. Wer eine Idee hat, kommt mit einem kleinen Konzept zu mir: Worum soll es gehen? Wie lange soll das Angebot laufen? Was ist geplant? Gemeinsam schauen wir uns das an und begleiten die Umsetzung.
Die Kinder erleben so, dass ihre Ideen ernst genommen werden und sie etwas bewegen können. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und fördert ganz nebenbei Kompetenzen wie Organisation, Kommunikation und Teamarbeit.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit der Ganztagsanspruch in der Praxis gut umgesetzt werden kann?
Da gibt es so vieles. Es gibt die klassischen „Meckeraspekte“: Geld, Personal und Räume. Das sind Themen, von denen wir alle wissen, dass sie sich nicht von heute auf morgen lösen lassen.
Umso wichtiger finde ich den Blick auf das, was wir bereits bewegen können. Statt nur darauf zu schauen, was fehlt, sollten wir überlegen: Was ist mit den Mitteln, die wir heute haben, alles möglich? Für uns bedeutet das zum Beispiel, Räume flexibel zu nutzen.
Ein Raum muss nicht immer nur zum Bücherlesen da sein – er kann je nach Bedarf auch ganz anders gestaltet und genutzt werden.
Genauso wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Schule und Hort. Dafür braucht es den Willen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Beide Professionen bringen unterschiedliche Stärken mit und genau die gilt es anzuerkennen. Wenn wir kreativ mit den Möglichkeiten umgehen, die wir haben, kann schon heute sehr viel gelingen. Davon profitieren am Ende vor allem die Kinder.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Stefanie Vasa.
Weiterführende Informationen
Der Internationale Bund (IB) setzt sich seit Jahren für einen qualitativ hochwertigen Ganztag ein. Im Mittelpunkt stehen dabei Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und eine enge Zusammenarbeit von Schulen und Trägern. Mehr zur Position des IB und seinen Forderungen erfahren.
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