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Alle suchen, niemand findet

Warum Ausbildungsplätze und Bewerber*innen nicht zusammenfinden: ein Gespräch mit Olaf Rother, Referent für Berufsorientierung beim Internationalen Bund

Olaf Rother sitzt bei einem Vortrag vor einem Publikum
Olaf Rother, Referent für Berufsorientierung beim IB, spricht im Interview über Hürden auf dem Ausbildungsmarkt und den Übergang junger Menschen in Ausbildung. Foto: IB

Ende August waren noch 116.000 Ausbildungsstellen in Deutschland unbesetzt, während 102.000 Bewerber*innen keinen Ausbildungsplatz oder eine Alternative gefunden hatten. Und das, obwohl Fachkräfte händeringend gesucht werden. Wie kommt es zu diesem Mismatch, warum finden Angebot und Nachfrage hier nicht zusammen? Woran hakt es beim Übergang in Ausbildung und was brauchen junge Menschen, damit er gelingt? Antworten gibt Olaf Rother, Referent für Berufsorientierung, Berufsvorbereitung und ausbildungsunterstützende Angebote beim Internationalen Bund (IB).

Herr Rother, viele Ausbildungsstellen sind derzeit noch frei, gleichzeitig haben viele junge Menschen keinen Ausbildungsplatz. Warum finden beide Seiten nicht zusammen?

Die Forschung spricht hier vom sogenannten Passungsproblem. Gemeint ist, dass Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt nicht gut zusammenfinden. Passungsproblematiken am Markt können sich auf drei Ebenen ergeben:

Erstens passen die Anforderungen der Betriebe und die Qualifikationen der Bewerber*innen nicht immer zusammen. Zweitens gibt es regionale Unterschiede: In manchen Regionen suchen viele junge Menschen nach bestimmten Ausbildungsberufen, für die es zu wenige Stellen gibt. Anderswo gibt es mehr Stellen als Interessierte. Ein Ausgleich innerhalb der Region kann dann schwerlich gelingen.

Und drittens liegt es an unterschiedlichen Vorstellungen oder mangelndem Wissen. Junge Menschen ziehen einige Berufe gar nicht erst in Betracht, obwohl sie eigentlich zu ihren Interessen und Fähigkeiten passen könnten.

Aber lässt sich die Situation allein mit dem Passungsproblem erklären?

In der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit wird diese Sicht zunehmend kritisch diskutiert, weil die Passungsproblematik die Perspektive auf wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Fragen verengt. Aber was bedeutet es für junge Menschen, wenn sie 30, 40 oder 50 Bewerbungen schreiben und immer wieder Absagen oder gar keine Antwort erhalten?
Das kann massive Auswirkungen auf den eigenen Lebensentwurf haben. Im schlimmsten Fall folgt der Rückzug: Für mich gibt es keinen Platz, ich bin nicht gewollt. Die jugend- und bildungspolitische Perspektive kommt in der Debatte aus meiner Sicht zu kurz.

Das Passungsproblem existiert, daran gibt es nichts zu rütteln. Es sollte aber nicht dazu führen, dass andere Perspektiven bei der Suche nach Lösungen in den Hintergrund geraten.

Was hilft jungen Menschen, sich zu orientieren und den Übergang in Ausbildung zu schaffen?

Die Ausgangslagen sind sehr unterschiedlich. Wer ohne oder nur mit einem ersten Schulabschluss die Schule verlässt, hat es definitiv schwerer; allein schon weil die bildungsmäßigen Anforderungen im dualen Ausbildungswesen gestiegen sind. Junge Menschen müssen deshalb zunächst herausfinden können: Was kann ich? Was interessiert mich? Was ist mir wichtig? Und dann: Welche Berufe passen dazu? Gerade wer nicht die besten Noten und Empfehlungen mitbringt, sollte auch einen Plan B oder C haben. Gemeinsam können wir schauen: Was begeistert mich an meinem Wunschberuf und welche anderen Berufe bieten mir das auch? Der IB bietet daher an diesem Übergang Berufsorientierung und Berufsvorbereitung an.

Gleichzeitig gibt es heute viel mehr unterschiedliche Bildungs- und Berufswege. Das ist grundsätzlich etwas Gutes, weil dadurch auch mehr Aufstiegsmöglichkeiten entstehen. Aber es macht das Berufssystem und die Arbeitswelt eben komplexer.

Information, Beratung und im Einzelfall auch Coaching sind dabei enorm wichtig. Denn der Übergang von der Schule in den Beruf ist ein besonderer Schritt. In der Schule bin ich Teil einer Klasse, auf den Ausbildungsmarkt gehe ich erst einmal allein. Diese neue Autonomie kann überfordern. 

Wichtig sind außerdem praktische Erfahrungen. Junge Menschen müssen Berufe kennenlernen und erleben können. Das muss nicht immer gleich ein zweiwöchiges Praktikum sein. Auch kürzere Einblicke können helfen.

Aber reichen Orientierung und Beratung aus?

Nein, nicht immer. Bei manchen jungen Menschen kommen mehrere Hürden zusammen und verstärken sich gegenseitig. Das können ein fehlender oder auf dem Ausbildungsmarkt wenig verwertbarer Schulabschluss, negative Schulerfahrungen oder eine abgebrochene Ausbildung sein. Hinzu kommen mitunter Probleme zu Hause, soziale Isolation, Schwierigkeiten mit einem geregelten Tagesablauf oder gesundheitliche Probleme, zunehmend im Bereich der mentalen Gesundheit.

Was brauchen diese jungen Menschen und wie unterstützt der IB sie?

Entscheidend ist eine ganzheitliche Begleitung. Wir müssen die Person als Ganzes und auch ihr Umfeld sehen. Unterstützung nur bei Bewerbungen? Der Gedanke greift zu kurz. Wir helfen zum Beispiel dabei, Grundbildungslücken zu schließen, berufliche Tätigkeiten und sich selbst darin kennenzulernen und betriebliche Praktika zu finden. Dazu kommen individuelle Gespräche und Netzwerke vor Ort sowie weitere Unterstützung während der Ausbildung. Dafür braucht es zunächst Vertrauen.

Wenn ich drei Dinge nennen müsste, die die jungen Menschen besonders brauchen, wären das erstens Zeit für die Orientierung, zweitens Gelegenheiten, Berufe kennenzulernen und die eigenen Vorstellungen zu reflektieren und drittens Beziehungen zu Menschen, die zeigen: Du bist nicht allein und kannst auf Unterstützung bauen! 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stefanie Vasa.

Mehr über die Berufsorientierung und Berufsvorbereitung beim IB erfahren