„Kunst statt Knast“ – was zunächst wie eine Belohnung klingt, ist ein sozialpädagogisches Arbeitsprojekt des Internationalen Bundes (IB) für straffällige Jugendliche, die nicht in klassische Einsatzstellen vermittelt werden können. Statt üblicher „Sozialstunden“ stehen hier künstlerische Arbeit und Selbstreflexion im Mittelpunkt. Im Interview spricht Ursula Schade, Projektleiterin von „Kunst statt Knast“, über das Potenzial kreativer Arbeit und darüber, wie es gelingt, schwer zu motivierende junge Menschen über Kunst zur Reflexion des eigenen Fehlverhaltens zu bewegen.
Frau Schade, was macht das Projekt „Kunst statt Knast“ aus?
Anders als der Name vielleicht vermuten lässt, steht bei „Kunst statt Knast“ klar der erzieherische Gedanke im Vordergrund: Die Teilnahme ist nicht freiwillig, es gibt feste Strukturen und klare Regeln. Die Kunst ist dabei unser Zugang. Sie verändert sich – genau wie die Jugendlichen selbst – und wir arbeiten bewusst auch mit zeitgenössischen Ausdrucksformen. So knüpfen wir an ihre Lebenswelt und den aktuellen Zeitgeist an und schaffen einen Zugang, der Reflexion und Entwicklung ermöglicht. Die Formate passen wir den entsprechenden Zielgruppen an.
Gelingt dieser Zugang über Kunst – ist sie ein effektives Mittel, um junge Menschen zur Reflexion über ihre Straftaten zu bewegen?
Ja, auf jeden Fall. Kunst ist quasi das Mittel zum Zweck, um sich mit der Straftat, aber auch mit sich selbst auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt steht die Persönlichkeitsentwicklung: Es geht darum, dass die jungen Menschen ein Bild davon entwickeln, wer sie sind und sein wollen.
Viele von ihnen bringen ein sehr geringes Selbstbewusstsein mit. In der kreativen Arbeit erleben sie, dass sie selbst etwas erschaffen können – was ungemein motiviert. Diese Erfahrung macht stolz und regt dazu an, über das eigene Handeln nachzudenken, aber auch über die eigene Zukunft.
Ein Teil der Arbeiten entsteht zudem in der Gruppe. Die Jugendlichen lernen, sich einzubringen, sich auszudrücken und gegenseitig wahrzunehmen. Manche Ergebnisse werden in Ausstellungen gezeigt, einzelne Werke sogar verkauft – eine Form von Anerkennung, die für viele eine ganz neue Erfahrung ist.
Gibt es eine Erfolgsgeschichte aus dem Projekt, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ich mache diese Arbeit seit über 30 Jahren. In dieser Zeit gab es viele bewegende Entwicklungen. Zwei sind mir aber besonders im Gedächtnis geblieben.
Gleich zu Beginn des Projekts hatte ich einen Teilnehmer, der hier erstmals sein künstlerisches Talent entdeckt hat. Er hatte große Freude am Umgang mit Farben und Materialien. Diese Erfahrung hat ihm geholfen, sein Leben neu zu ordnen. Im Anschluss hat er eine Ausbildung zum Maler begonnen. Ein anderer Teilnehmer ist heute Künstler und hat eine Zeit lang auch als Anleiter im Projekt gearbeitet.
Solche Wege zeigen, welches Potenzial in der künstlerischen Arbeit steckt, die viele erst über das Projekt entdecken.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Stefanie Vasa