Zwei Drittel der deutschen Schulleitungen sagen: Der Bedarf an psychischer Unterstützung für ihre Schüler*innen wird nicht annähernd gedeckt. Das gilt auch, wenn Schulen bereits einen Mental Health Coach hatten. Das ist die zentrale Erkenntnis der jetzt veröffentlichten Abschlussbroschüre zum Bundesprogramm „Mental Health Coaches" – und sie ist ein klarer Auftrag an die Politik!
Von 2023 bis Ende 2025 setzten die Träger der Jugendmigrationsdienste (JMD), darunter der Internationale Bund (IB), das vom Bundesfamilienministerium geförderte Modellvorhaben an rund 80 Standorten und über 100 Schulen um:
- 93.761 Schüler*innen nahmen an 2.437 Gruppenangeboten teil
- 100 Mental Health Coaches – qualifizierte Fachkräfte aus Sozialer Arbeit, Pädagogik und Psychologie – waren im Einsatz
- 80 Prozent der Schulleitungen nannten die Akzeptanz durch die Schüler*innen „gut bis sehr gut“
- 90 Prozent der befragten Fachkräfte, Schulleitungen, Schüler*innen und Trägervertretungen sprachen sich für eine Fortführung aus
Die wissenschaftliche Evaluation der Universität Leipzig bestätigt damit, was sich in der Praxis längst zeigte: Niedrigschwellige, schulnahe Prävention erreicht junge Menschen dort, wo sie den Großteil ihres Alltags verbringen – und sie wirkt.
Weil man darüber reden muss, weil es sich sonst immer weiter in einem ansammelt und irgendwann ausbricht, wie so ein Vulkan.
Schüler*in
- Beziehung ist der Faktor, nicht das Format. Ob Bouldern in Frankfurt, Theaterworkshops in Schleswig-Holstein oder Podcast-Produktion in Hamburg – die konkrete Methode variierte stark. Was in allen Fällen wirkte, war die kontinuierliche, vertrauensvolle Beziehung zwischen Coach und Jugendlichen. Genau diese Beziehungsarbeit braucht Zeit und Verlässlichkeit – beides, was befristete Modellprojekte strukturell nicht bieten können.
- Schulen können den Bedarf allein nicht decken. Selbst mit Mental Health Coaches vor Ort gaben zwei Drittel der Schulleitungen an, dass die Angebote den tatsächlichen Bedarf nicht vollständig abdecken konnten. Eine repräsentative Befragung in 13 Bundesländern zeigt zudem: Auch an Schulen ohne Mental Health Coaches sehen rund 80 Prozent der Schulleitungen einen klaren Bedarf.
- Multiprofessionelle Zusammenarbeit funktioniert – wenn man sie zulässt. Nahezu alle Mental Health Coaches kooperierten eng mit der Schulsozialarbeit; an einzelnen Standorten wurde diese dadurch sogar spürbar entlastet. Das Modell zeigt: Zusätzliche Fachkräfte verdoppeln keine Strukturen, sie schließen Lücken.
Die Abschlussbroschüre formuliert fünf konkrete Handlungsempfehlungen – ausdrücklich in Bezug auf die im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vorgesehene Strategie „Mentale Gesundheit für junge Menschen“: systematische Stärkung von Prävention und Lebensweltorientierung, Ausbau schulnaher Präventionsstrukturen, verbindliche multiprofessionelle Zusammenarbeit, Stärkung der Vernetzung im Sozialraum – und, zentral, der Transfer vom befristeten Modell in dauerhafte Regelstrukturen.
„Die evaluierten Erkenntnisse liegen vor. Die Akzeptanz ist nachgewiesen, der Bedarf belegt. Was fehlt, ist die politische Entscheidung, aus den Ergebnissen eine verlässliche, bundesweite Struktur zu machen – statt bei der nächsten Generation wieder von Null anzufangen“, sagt Thiemo Fojkar, Vorstandsvorsitzender des IB.