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„Wer immer wieder Mobiltelefone klaut, wird das kaum nur für sich selbst tun”

In Deutschland findet Ausbeutung junger Menschen statt. Die Kontaktaufnahme erfolgt auch im Umfeld der Jugendsozialarbeit. Was können Mitarbeitende tun?

Zwei Jungen gehen von hinten auf ein Gebäude zu.
Menschenhandel und Ausbeutung betreffen auch junge Menschen in Deutschland. Im Interview erklärt eine Expertin, wie Fachkräfte Anzeichen erkennen und präventiv handeln können. Foto: KI/ChatGPT

Beim Thema Ausbeutung denkt man vermutlich spontan an Betroffene, die aus anderen Ländern nach Deutschland gebracht werden – und dann zu minimalen Löhnen arbeiten. Doch bereits seit Jahren erfolgt eine Ansprache bereits hier lebender – auch junger – Menschen zu diesem Zweck. Unter anderem geschieht dies in Einrichtungen der Jugendarbeit und Erziehungshilfen. Der Internationale Bund (IB) möchte für diese Entwicklung sensibilisieren und spricht deshalb mit einer Expertin für Menschenhandel, Ausbeutung und Prävention. 

Margarete Muresan ist Teamleiterin des Bereichs „Beratung Menschenhandel und Streetwork in Berlin und im Land Brandenburg“ bei IN VIA. Das ist ein katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit im Erzbistum Berlin und Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Im Jahr 2024 hat IN VIA in Berlin die Fachberatungs- und Koordinierungsstelle bei Handel mit und Ausbeutung von Minderjährigen etabliert. Sie wird von der Berliner Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Bildung finanziert. Im Interview spricht Margarete Muresan darüber, wie Prävention aussieht, wer meist hinter den Taten steckt und warum sich viele Betroffene gar nicht als Betroffene fühlen. 

Frau Muresan, ist es korrekt, dass in deutschen Einrichtungen der Jugendarbeit und der Erziehungshilfen junge Menschen angesprochen werden, mit dem Ziel, sie in der Prostitution oder zur Begehung von Straftaten auszubeuten? 

Das kommt nicht ausschließlich in solchen Einrichtungen vor, das kann überall passieren: im Internet, in der Schule, auf der Straße oder eben in Jugendzentren. Daher ist es wichtig, dass Fachkräfte auf allen Ebenen und in möglichst vielen Institutionen Bescheid wissen – auch in der Jugendsozialarbeit. Deren Mitarbeitende und Träger können dies nur schwer verhindern. Wer eine Ausbeutung plant, weiß eben genau, wo man junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen findet, die für eine solche Ansprache empfänglich sein könnten: zum Beispiel in und vor Wohngruppen oder Beratungsstellen. Auch Geflüchtete sind oft betroffen. Die Täter*innen nutzen Notlagen konsequent aus. 

Wir hatten in Berlin in der Fachberatungs- und Koordinierungsstelle bei Handel mit und Ausbeutung von Minderjährigen 2025 etwa 90 Beratungsanfragen zum Thema. Dabei ging es in 80 Fällen um Minderjährige. Rund 25 bis 30 Prozent davon wiederum waren zu diesem Zeitpunkt bereits in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht. 

Mit welchem Ziel werden die Jugendlichen angesprochen?  

Es geht grob gesagt um fünf Bereiche:  

1. Weil sie in der Prostitution ausgebeutet werden sollen. Dabei geht es um körperlichen Missbrauch – und um digitalen, zum Beispiel durch Erstellung von und Erpressung mit Nacktfotos und Videos. Hier zählen auch junge Männer zu den Betroffenen. 

2. Damit sie Straftaten begehen, zum Beispiel Diebstahl oder Beihilfe zum Raub. 

3. Um sie durch Arbeit auszubeuten: Das kann an sehr unterschiedlichen Orten stattfinden, zum Beispiel in Nagelstudios, Blumenläden oder Barbershops, unter Umgehung gesetzlicher Regelungen.   

4. Zur Ausbeutung beim Betteln.  

5. Für die erzwungene Entnahme menschlicher Organe innerhalb Deutschlands.  

Es gibt auch Mischfälle: Eine Jugendliche soll dann zum Beispiel bei einem Raub unterstützen und erfährt zusätzlich sexuelle Ausbeutung. 

Wer steckt in der Regel hinter Menschenhandel und Ausbeutung? 

Betroffene und Täter*innen findet man in allen Geschlechtern. Die Ansprache und Anwerbung kann auch durch Gleichaltrige erfolgen. Die fallen weniger auf und picken sich in ihrem Umfeld Jugendliche heraus, deren Notlagen sie kennen. Dann stellen sie dementsprechend Fragen wie: „Brauchst du Geld?”, „Kann ich dir helfen?”, „Brauchst du jemanden zum Reden?”.  

Stoßen sie auf Skepsis, sagen die Anwerber*innen oft: „Ich mache das selbst ja auch, wir passen da aufeinander auf, wir beschützen dich!" Hinzu kommen Gruppenzwang sowie die Beeinflussung durch Vertrauenspersonen. Anfangs machen manche Jugendliche freiwillig mit, denn der Einstieg ist oft harmlos. Erst nach und nach kommt es zur Ausbeutung. Emotionale Abhängigkeiten, Sucht und andere Faktoren machen es den Betroffenen schwer, sich Unterstützung zu suchen. Dadurch fühlen sich viele gar nicht als Betroffene. Hier ist pädagogische Arbeit und Aufklärung wichtig. 

Wenn wir auf die Täter*innen schauen, zeigt sich eine uneinheitliche Struktur. Das beginnt mit Einzelpersonen oder im Rahmen von familiären Strukturen. Es geht bis zur organisierten Kriminalität. 

Was können Mitarbeitende von Jugend(sozial)einrichtungen präventiv tun? 

Der erste Schritt ist Sensibilisierung und Aufklärung. Die Jugendlichen sollten die Gefahren kennen und eine Person oder Stelle haben, der sie sich im Ernstfall anvertrauen können. Man sollte bei den Basics zu Grenzen und gesunden Beziehungen beginnen, zum Beispiel beim Grundsatz: „Mein Körper gehört mir!”. Das ist auch Prävention gegen häusliche Gewalt. Dies kann in Workshops geschehen, mit Infoabenden oder im direkten Gespräch. Mitarbeitende sollten sich die Frage stellen: Was benötigen Jugendliche, um gegen diese Phänomene standhaft zu bleiben? 

Was können Mitarbeitende tun, wenn sie eine solche Ansprache mitbekommen? 

In akuten Fällen sollten sie sich immer an die Polizei wenden. In Verdachtsfällen kann man die IN VIA Fachberatungs- und Koordinierungsstelle bei Handel mit und Ausbeutung von Minderjährigen in Berlin kontaktieren. Wir haben viel Erfahrung, beraten individuell sowie vertraulich und suchen passende Lösungen.

Wir bieten zudem auf Anfrage laufend Fortbildungen für Jugendsozialarbeiter*innen, Mitarbeitende von Jugendämtern, Erzieher*innen, Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen oder Ermittlungsbehörden an. Dies kann sowohl in Präsenz wie auch digital stattfinden. Dabei erklären wir auch: Was ist Menschenhandel? Wie kann man Fälle erkennen? Dadurch holen wir Fachkräfte auf jedem Wissensstand ab. Bundesweit kann man sich an die KOK Online-Anlaufstelle Menschenhandel wenden.

Ganz wichtig ist es, aufmerksam zu sein: Wer zum Beispiel immer wieder straffällig wird, weil er*sie Mobiltelefone klaut, wird das kaum nur für sich selbst tun. 

Frau Muresan, wir danken für das Gespräch! 

Die Fragen stellte Matthias Schwerdtfeger 

Kontaktdaten unseres Presseteams

Dirk Altbürger
Pressesprecher
Telefon: +49 69 94545-107

Matthias Schwerdtfeger
Stellvertretender Pressesprecher
Telefon: +49 69 94545-108

Angelika Bieck
Stellvertretende Pressesprecherin
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